Klavierkonzert: Gelungene Gala mit Gershwin

Klavierkonzert, 26.09.2009

Klavierkonzert: Gelungene Gala mit Gershwin

Es sollte ein Versuch sein und wir haben lange überlegt, ob wir Niclas die Bühne für ein Klavierkonzert geben können. "Ich bin Klaverspieler, schon immer gewesen", beteuerte er stets. Nun ist es so, dass viele der Menschen, die zu uns kommen, schon sonstwas behauptet haben, mal gewesen zu sein. Bei Niclas - und das konnten wir schon bald hören - schien es doch wahr zu sein.

Schon bald hatte er Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen, denn Klaviere haben wir - dank spendabler Umzugskunden - schon lange. Und was zu hören war, hörte sich wirklich gut an. Nach reiflicher Überlegung wollten wir Niclas´ sehnlichsten Wunsch erfüllen und ihm erlauben, ein Konzert für uns zu geben. "Erstmal nur für uns, für Freunde und Verwandte", beschlossen wir. So etwas muss ja lange geplant werden, Einladungen müssen verschickt, Räumlichkeiten bestimmt und das ganze Drumherum bis hin zur Bewirtung organisiert werden.

"Was, wenn Niclas morgen nicht mehr da ist, wenn er es sich kurz vorher anders überlegt und Synanon verlässt? Auch für Niclas´ eigene Entwicklung ist es wichtig, sich in der ersten Zeit in Synanon nicht mit Dingen zu beschäftigen, die er gut kann. Das ließ schon so manchen übermütig werden. Ganz von vorn anfangen, sich und die Umwelt aus einem anderen Blickwinkel betrachten, neue Erfahrungen sammeln, darauf kommt es zunächst an. Was uns darüber hinaus bewog, für Niclas eine Ausnahme zu machen, war die Tatsache, dass er Hannah (4) seit einiger Zeit Klavierunterricht gibt.

Hier nun also der ungekürzte Bericht eines Mitbewohners vom Konzert:

Gelungene Gala mit Gershwin (von Klaus-Peter W.)

Und alles hat am Ende sich gelohnt…!? Hatte er nicht reichlich dick aufgetragen? Hatte er nicht stark übertrieben? Wollte er uns womöglich einen gewaltigen Bären aufbinden? Hatte er die Absicht – wozu die meisten Süchtigen neigen – uns „abzuziehen“? Verdient er wirklich die Bezeichnung „Pianist“ oder hat er nur in irgendwelchen polnischen Kaschemmen und englischen Pubs stümpernd geklimpert : „Bier ist die Seele vom Klavier“; dabei jedoch nicht virtuos die Tasten bedient, sondern virtuos gesoffen? Fragen über Fragen…

Sie wurden fast alle beantwortet in jenen 70 Minuten im (Synanon-) Jugendhaus in Karow. Wer ist er? Ein seit viereinhalb Monaten in Synanon lebender Mitbewohner namens Zdzislaw (Niclas) Kuzminski, der anlässlich des 111. Geburtstages des berühmten amerikanischen Komponisten George Gershwin für uns ein Klavierkonzert gab und bisher auf die ihm immer wieder von uns gestellte Frage, was er, Niclas, 61, denn eigentlich könne und womit er seinen Lebensunterhalt verdiente, stets, mitunter fast trotzig antwortete: „Ich bin Klavierspieler und kann nichts anderes.“

Wir, die zwanzigköpfige Zuhörerschaft waren gespannt, was da auf uns zukommt. Und wir wurden nicht enttäuscht. Es war eine ziemlich starke musikalische Woge, die uns da überrollte. Wir waren regelrecht überrascht! Es war von Anbeginn faszinierend und über weite Strecken wahrhaftig mitreißend, wie unser (!) Pianist diese Musik `rüberbrachte. Das war Rhythm and Blues, Ragtime und Swing. Das war moderne Klassik. Das ging nicht nur ins Ohr und in die Beine – was wurde da mitgesummt, geschnippt und mit den Füßen gewippt - sondern war auch optisch ein Genuß, wie Niclas an einigen Stellen in die Tasten haute.

Freilich ist ein Klavierkonzert nicht jedermanns Sache – noch dazu, wenn man bedenkt, dass der Komponist Gershwin ja auch nicht sooo berühmt ist. Aber: Live ist live! Und zweitens: die Performance war von einem aus unseren Reihen; drittens schließlich: Eintritt frei! Und nicht zu vergessen: Im Grunde war George Gershwin ein Wegbereiter der Rockmusik, die in ihren Anfängen und bis heute immer wieder ihre Wurzeln im Blues sucht und findet.

Genau das hat Niclas in seinem Konzert ganz toll dargestellt, sowohl in seinen kurzen Erläuterungen, in seinen eigenen Bluesstücken als auch und vor allem in seiner Interpretation bekannter Gershwin-Werke. Da kann man mal sehen (und hören), was möglich ist, wenn ein Alkoholiker viereinhalb Monate nüchtern und clean ist, die Synanon-Gemeinschaft ihm großzügige, bis dahin fast undenkbare Möglichkeiten zum Üben einräumt und allerorten auf seine Befindlichkeiten Rücksicht genommen wird.

Der Beifall war nach 70 Minuten virtuosem Klavierspiel (ohne Noten!) dementsprechend laut und langanhaltend. Bravo, bravissimo, Niclas! Beim angekündigten Weihnachtskonzert wird der Saal wohl voll sein.

Rührend: Hannah (4), seine Schülerin, überreicht Niklas zum Dank für einen tollen Konzertnachmittag Blumen.

Zurück