Praktikum in Synanon

Bericht über 3 Monate Praktikum

Synanon-Drachenbootmannschaft beim Reinickendorf-Cup 2010
Jessica, 3. v. l., mit der Drachenbootmannschaft beim Reinickendorf-Cup

„Erst einmal bleiben“, „Hauptsache nüchtern“, diese Sätze sollte ich in den nächsten drei Monaten noch öfter zu hören bekommen!

Alles begann am 6.9.2010: Mit weichen Knien harrte ich der Dinge, die auf mich zukamen. Eine Woche sollte ich nun als Einstieg bei Synanon wohnen - ohne genaue Vorahnung was mich tatsächlich erwarten würde. Nach der Erklärung der grundlegenden Regeln von Synanon wurde mir das Haus gezeigt, welches sich über fünf Etagen erstreckt. Ich war erstaunt, wie gut durchstrukturiert der Tagesablauf der Bewohner ist, so darf man sich zum Beispiel tagsüber nicht auf dem Zimmer aufhalten. Zuerst erschien mir ein Teil der vielen Regeln zu streng, erst im Laufe der Zeit verstand ich deren Notwendigkeit.

Wie jeder neue Synanon-Bewohner musste ich nun meine Kleidung und alle persönlichen Dinge abgeben und erhielt dafür einen Blaumann - das war schon ein seltsames Gefühl. Meine erste Woche begann in der Hauswirtschaft mit einem besonderen Erlebnis: Der Spaziergang im Blaumann. Mir war schon mulmig, als wir in der Nähe des Potsdamer Platzes von den Passanten angestarrt wurden, aber auch das machte mir bald nichts mehr aus.

Von den Synanon-Bewohnern wurde ich sehr freundlich und offen aufgenommen. Schon bald gehörte ich dazu und hatte den Status der Praktikantin verloren. Während meiner Zeit bei Synanon durchlief ich viele der Zweckbetriebe, dort lernte ich die Arbeit der Bewohner kennen, den Umgang untereinander und das immer aktuelle Thema Sucht. Ich war sehr überrascht von der meist angenehmen und lockeren Stimmung. In dem Zweckbetrieb Küche lernte ich zudem neue und ungewohnte Dimensionen bei der Essenszubereitung kennen: 40 Eier für Kuchen, 6 Kisten Paprika für Salat usw., aber bei den z. Z. 120 Synanon-Bewohnern ist das ja auch kein Wunder!

Neben den Zweckbetrieben hatte ich auch die Möglichkeit an den drei Mal in der Woche stattfindenden Gruppengesprächen teilzunehmen. „Die Gruppen sind das Herzstück von Synanon“- dem kann ich nur zustimmen. In den Gruppengesprächen hat man die Möglichkeit Konflikte miteinander oder eigene Stimmungen anzusprechen. Positiv fand ich die vielen Lösungsvorschläge der anderen Gruppenteilnehmer, die meistens aus eigenen Erfahrungen berichten konnten. Zuerst war ich allerdings sehr irritiert wie laut es in den Gruppen werden kann, aufgestauter Frust darf hier lautstark geäußert werden, was ja tagsüber verboten ist.

Ich hätte nie gedacht wie viele Synanon-Bewohner innerhalb der ersten Wochen wieder gehen. Zu Anfang war ich schockiert, dass dies meist unverhofft geschah und auch bei Leuten, die ich persönlich als stabiler eingeschätzt habe. Viele brauchen mehrere Anläufe um langfristig clean zu leben und sich an einen geregelten Tagesablauf zu gewöhnen.

Oft wurde ich gefragt, ob ich mir mein Praktikum so vorgestellt habe. Ich hätte nie gedacht, dass eine Selbsthilfe so gut funktionieren kann. Schnell habe ich bemerkt, wie hilfreich es ist von den Erfahrungen der anderen Synanon-Bewohner zu profitieren. Zudem hatte ich das Glück, dass mir die meisten Bewohner sehr offen von ihrer Sucht erzählt haben. Gerade die erste Woche bei Synanon, das heißt das Zusammenleben mit den Bewohnern hat mir bei der Integration sehr gut geholfen. Nur auf diesem Weg hatte ich die Möglichkeit das Leben dort richtig kennenzulernen. Besonders wichtig finde ich das Prinzip „Aufnahme sofort“, für viele Betroffene ist die sofortige Hilfe zu jedem Zeitpunkt entscheidend.

Zusammenfassend lassen sich diese drei Monate als aufregend, spannend und lehrreich beschreiben. Die Erfahrungen, die ich durch Synanon sammeln konnte, werde ich nie wieder vergessen.

Vielen Dank dafür

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